Die Atmosphäre schaffen
Folge 1: Definition und Geschichte der Vernissage
Der Begriff „Vernissage“ gehört heute selbstverständlich zum Vokabular des Kunstbetriebs, doch seine Herkunft verrät eine überraschend handwerkliche Geschichte. Das Wort leitet sich vom französischen „vernis“ ab, das den Firnis bezeichnet, einen transparenten Schutzlack, der als letzter Arbeitsschritt auf ein fertiges Gemälde aufgetragen wurde. Dieser Firnis erfüllte eine doppelte Funktion: Er schützte die Malschicht vor Feuchtigkeit, Staub und mechanischer Beschädigung, und er brachte die Farben zum Leuchten, gab ihnen Tiefe und Brillanz (vgl. [1]).
Das Firnissen galt als endgültiger Akt der Fertigstellung. War der Lack aufgetragen, konnte das Gemälde kaum noch übermalt werden. Der Künstler erklärte sein Werk damit für abgeschlossen. Traditionell übernahmen Maler diese Arbeit selbst, unmittelbar vor der öffentlichen Präsentation, um das Ergebnis unter kontrollierten Bedingungen zu begutachten.
Aus diesem finalen Arbeitsschritt, der der eigentlichen Ausstellungseröffnung vorausging, entwickelte sich im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts ein gesellschaftlicher Brauch. Die Künstler luden Auftraggeber, Förderer und befreundete Kollegen ein, beim Firnissen anwesend zu sein. Man begutachtete die fertigen Werke, tauschte sich aus, feierte den Abschluss eines Schaffensprozesses. Mit der Zeit verschmolzen der technische Vorgang und das gesellschaftliche Ereignis, bis die Vernissage schließlich zur eigentlichen Ausstellungseröffnung wurde.
Im Laufe der Zeit entwickelte sich aus dieser finalen Handlung des Firnissens, die der eigentlichen Ausstellungseröffnung vorausging, der Brauch, diesen Anlass im Kreis von Freunden und Auftraggebern zu feiern. Später verschmolzen beide Ereignisse, sodass die Vernissage zur eigentlichen Ausstellungseröffnung wurde. Heutzutage ist die Vernissage die zeremonielle Eröffnung einer Ausstellung, bei der die Kunstwerke in einer Galerie wirkungsvoll präsentiert werden, um den Besuchern ein besonderes Kunsterlebnis zu bieten.
Die Vernissage heute
In der heutigen Praxis ist die Vernissage die zeremonielle Eröffnung einer Kunstausstellung, bei der die Werke erstmals einem ausgewählten Publikum präsentiert werden. Bevor die Ausstellung der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, erhalten besondere Gäste Zugang: Kunstliebhaber und Sammler, Galeristen und Kunsthändler, Vertreter aus Politik und Wirtschaft, Förderer der Galerie und des Künstlers sowie die Presse.
Der Ablauf folgt einem etablierten Muster. Der Galerist eröffnet die Veranstaltung und begrüßt die Anwesenden. Anschließend stellt er selbst oder ein eingeladener Kunstexperte die ausgestellten Werke sowie den Künstler vor, beleuchtet dessen Werdegang und ordnet das Schaffen in einen größeren Zusammenhang ein. Häufig ist der Künstler persönlich anwesend und steht nach dem Einführungsvortrag für Gespräche zur Verfügung. Im Anschluss an den offiziellen Teil folgt die Besichtigung der einzelnen Werke, begleitet von Gesprächen bei Getränken und kulinarischen Aufmerksamkeiten.
Neben der Vernissage als Eröffnung kennt das Ausstellungswesen zwei weitere Veranstaltungsformate: die Midissage (siehe Glossar), eine Veranstaltung zur Halbzeit der Ausstellung, die das Interesse neu beleben soll, und die Finissage (siehe Glossar), die den feierlichen Abschluss am letzten Ausstellungstag markiert.
Alle Fachbegriffe werden im Glossar zu Vernissagen und Kunstausstellungen erläutert.
Weiter zu Folge 2: Die zentrale Rolle des Einführungsvortrags