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Laws of Form – Zum Werk von Peter Deglow

Podcast: GfA-Kulturwelten
Dauer: 7 Minuten
Veröffentlicht: 27. August 2025

Worum geht es?

Peter Deglow ist nicht nur Maler, sondern auch Ingenieur – und genau diese doppelte Identität macht seine Kunst so besonders. Als Leiter der GfA-Themengruppe Kunst · Kultur · Musik · Galerie verbindet er theoretisches Wissen mit praktischer künstlerischer Arbeit. In der Ausstellung „Laws of Form” verbindet er die strukturierte, analytische Denkweise des Ingenieurs mit der intuitiven, emotionalen Arbeitsweise des Malers.

Der Titel der Ausstellung ist bewusst doppeldeutig: Er verweist sowohl auf die formale Gestaltung seiner Werke als auch auf George Spencer-Browns mathematisches System „Laws of Form”, das sich mit den grundlegenden Prinzipien von Unterscheidung und Form beschäftigt.

Die duale Identität als künstlerisches Prinzip

Deglows besondere Stärke liegt darin, scheinbar widersprüchliche Welten zusammenzuführen. Die Denkweise eines Ingenieurs, strukturiert, systematisch, auf Prinzipien fokussiert, trifft auf die des Malers, der mit Form, Farbe und Ausdruck arbeitet. Diese Verbindung ist keine biografische Randnotiz, sondern das konzeptionelle Fundament seiner gesamten Ausstellung.

Seine abstrakten Werke gehen über rein ästhetische Aussagen hinaus. Sie sind eine philosophische Untersuchung der Natur von Realität, Form und Unterscheidung, inspiriert von Spencer-Browns Arbeiten, die zeigen, wie aus einfachen Unterscheidungen komplexe Systeme entstehen.

Von der leeren Leinwand zur Form

Deglows Stil erinnert an die Nachkriegsmoderne: Spontanität, gestische Malerei, das Unbewusste als Quelle. Er arbeitet mit Automatismus und schöpft aus inneren Tiefen, eine Energie, die an Action Painting und europäisches Informel erinnert. Doch hier kommt der entscheidende Unterschied: Er verknüpft diese intuitive Herangehensweise explizit mit George Spencer-Browns Laws of Form.

Die zentrale Idee ist bestechend einfach: Sobald eine Grenze gezogen wird, ein Punkt, eine Linie, ein Farbfeld, entsteht Unterscheidung. Aus dem Nichts entsteht Form. Die leere Leinwand ist der „unmarkierte Zustand”, jeder Pinselstrich eine Unterscheidung, die Bedeutung generiert.

Werke im Fokus: Tree of Life und Spin

Tree of Life zeigt diese Grundidee in Reinform: Die Leinwand ist zweigeteilt – blutrot auf der einen, wasserblau auf der anderen Seite, getrennt durch eine scharfe vertikale Linie. Aus dieser fundamentalen Unterscheidung wächst eine Baumsilhouette, die die Grenze überbrückt und Gegensätze verbindet. Spencer-Browns „Gesetz des Überquerens” wird hier sichtbar: Wiederholung transformiert, aus simpler Grenzziehung entsteht Komplexität, Symbolik, Leben.

Spin geht noch weiter und visualisiert Verflechtung, Auflösung und unsichtbare Energien,  eine Parallele zu Quantentheorien und Stringtheorien. Wie entsteht Struktur aus dem Nichts? Wie interagieren Elemente an den Grenzen unserer Wahrnehmung? Hier zeigt sich Spencer-Browns Konzept des „Re-entry” (Wiedereintritt): Wenn eine getroffene Unterscheidung zur Bedingung für die nächste wird, entsteht Zeit, Selbstbezug und Komplexität.

Der Beobachter als Teil des Prozesses

Deglows Kunst fordert den Betrachter heraus, aktiv zu werden. In der Abstraktion beginnt man unweigerlich, Muster zu suchen, eigene Unterscheidungen zu treffen. Man wird Teil des Prozesses der Sinnstiftung. Vielleicht erkennt man darin „innere menschliche Landschaften”, Spannungen, Ruhe, Dynamik. Das Anschauen wird zum Dialog.

Häufig gestellte Fragen

Wer ist Peter Deglow?
Peter Deglow ist Maler und Ingenieur und leitet die Themengruppe Kunst · Kultur · Musik · Galerie der Gesellschaft für Arbeitsmethodik e.V. Seine duale Ausbildung prägt seinen künstlerischen Ansatz und ermöglicht ihm, abstrakte Kunst mit mathematisch-systematischem Denken zu verbinden.

Was bedeutet “Laws of Form”?
Der Titel verweist auf George Spencer-Browns mathematisch-philosophisches Werk Laws of Form (1969), das untersucht, wie durch einfache Unterscheidungen komplexe Systeme entstehen. Deglow übersetzt diese Ideen in visuelle Sprache.

Was hat Mathematik mit Kunst zu tun?
Spencer-Browns System zeigt, dass Form durch Unterscheidung entsteht, durch das Ziehen von Grenzen. Deglow nutzt dieses Prinzip künstlerisch und erforscht, wie Struktur und Intuition zusammenwirken können.

Für wen ist diese Episode interessant?
Für alle, die sich für abstrakte Kunst, interdisziplinäre Ansätze zwischen Kunst und Wissenschaft, Systemtheorie oder philosophische Fragen zu Form und Bedeutung interessieren.

Welche Kunstrichtungen beeinflussen Deglow?
Europäisches Informel (haptisch, materiell), amerikanischer abstrakter Expressionismus (Fokus auf universelle innere Quellen) und Action Painting (eruptive, gestische Energie).

Weiterführende Informationen

  • George Spencer-Brown: Laws of Form (1969)
  • Themen: Abstrakte Kunst, Systemtheorie, Kybernetik, Unterscheidungslogik
  • Kunstrichtungen: Informel, Abstrakter Expressionismus, Action Painting

Transcript

00:00 – 00:10
Herzlich willkommen! Heute nehmen wir uns die Arbeit des deutschen Künstlers Peter Deglow vor. Basis ist eine Analyse seiner Ausstellung »Laws of Form« von Dr. Brigitte E. S. Jansen. Das wirklich Spannende daran: Deglow ist nicht nur Maler, er ist auch Ingenieur.

00:10 – 00:21
Wie passt denn das zusammen? Ja, genau das ist eigentlich der Kern. Die Ausstellung, auch der Titel Laws of Form, die spielen ganz bewusst mit dieser Dualität. Es geht um die Schnittstelle, also zwischen intuitiver Kunst und diesem sehr strukturierten, fast logischen Denken. Das wollen wir heute mal beleuchten.

00:21 – 00:39
Okay, packen wir das mal aus. Unsere Aufgabe für Sie ist es also nachzuvollziehen, wie Deglows abstrakte Kunst, die hat ja Wurzeln im Informel, im abstrakten Expressionismus, wie die eine ganz neue Dimension bekommt – eben durch dieses Konzept Laws of Form von George Spencer-Brown.

00:39 – 01:09
Deglows Stil, der erinnert ja erstmal stark an die Nachkriegsmoderne, oder? Viel Spontanität, gestische Malerei, das Unbewusste als Quelle. Er spricht ja auch selbst von Automatismus, einem Schaffen aus der eigenen Tiefe. Das klingt schon sehr nach dieser eruptiven Energie, die man vielleicht vom Action Painting kennt.

01:10 – 01:46
Richtig. Er steht absolut in dieser Tradition – das Haptische, das Materielle vom Europäischen Informel stimmt, aber auch der Fokus auf das Selbst, also auf diese universellen Quellen wie im amerikanischen abstrakten Expressionismus. Doch jetzt kommt der Clou sozusagen: Er verknüpft diese intuitive Herangehensweise ganz explizit mit George Spencer-Browns Laws of Form.

01:46 – 01:55
Okay, Laws of Form. Im Kern geht es da um was ganz Fundamentales: Den Akt der Unterscheidung. Die Idee ist bestechend einfach.

01:55 – 02:11
Sobald Sie eine Grenze ziehen, irgendein Zeichen setzen – und sei es nur ein winziger Punkt auf einem leeren Blatt –, entsteht etwas. Aus dem Nichts. Sie schaffen einen Unterschied, definieren ein Innen, ein Außen, sozusagen.

02:11 – 02:30
Moment mal, aber wie passt denn so eine formale, ja fast mathematische Idee dieser Unterscheidung zu einem Prozess, den Deglow selbst als intuitiv beschreibt, als automatisch? Ist das nicht ein Widerspruch?

02:30 – 02:49
Genau, das ist das Faszinierende. Und vielleicht ist das der Punkt, wo der Ingenieur in ihm durchkommt. Deglow sieht da nämlich keinen Widerspruch, eher eine tiefere Verbindung. Die leere Leinwand ist für ihn quasi der unmarkierte Zustand, Spencer-Browns Nichts. Und jeder Pinselstrich, jede Farbe, die er setzt, ist dann eine solche Unterscheidung.

02:49 – 03:05
Sie schafft Form, Differenz, Bedeutung. Sein scheinbar rein intuitiver Prozess wird so zur direkten Anschauung dieser Grundidee. Er nennt das ja auch „permanente Unterscheidungen”. Das wird jetzt wirklich interessant.

03:05 – 03:15
Können wir das vielleicht an einem Werk festmachen? Wie wäre es mit Tree of Life?

03:16 – 03:26
Ah ja, perfekt dafür. Sie sehen ja sofort: Die Leinwand ist ganz klar zweigeteilt – blutrot auf der einen Seite, wasserblau auf der anderen. Getrennt durch eine scharfe vertikale Linie.

03:26 – 03:44
Stimmt. Das ist die fundamentale Unterscheidung in Reinform sozusagen. Und aus diesen klar getrennten Feldern wächst dann diese Baumsilhouette heraus. Sie überbrückt die Grenze. Spencer-Brown hat ja auch formuliert, wie Wiederholung wirkt: Manchmal ändert sie nichts (das Gesetz des Rufens), manchmal transformiert sie (das Gesetz des Überquerens).

03:44 – 03:57
Ja, hier transformiert die Teilung den Raum radikal. Aus dieser simplen Grenzziehung entsteht plötzlich Komplexität, Symbolik, Leben – das Gegensätze verbindet, ganz im Sinne von Spencer-Brown.

03:57 – 04:16
Oder bei Spin – das Werk beschäftigt sich ja sogar mit Teilchenphysik. Ja, bei Spin wird die Verbindung noch abstrakter, noch fundamentaler vielleicht. Es visualisiert ja Verflechtung, Auflösung, unsichtbare Energien, spielt auf Quantentheorien an, Stringtheorien vielleicht sogar.

04:16 – 04:32
Das ist wie eine Parallele zu Spencer-Browns Logik, aber auf kosmischer Ebene. Wie entsteht Struktur aus dem Nichts? Wie interagieren Elemente an den Grenzen unserer Wahrnehmung? Hier sehen wir vielleicht auch Spencer-Browns Idee des Wiedereintritts, Re-entry nennt er das, am Werk.

04:32 – 04:43
Wiedereintritt? Ja, wenn eine getroffene Unterscheidung zur Bedingung für die nächste wird. Dadurch entsteht dann Zeit, Selbstbezug, Komplexität.

04:43 – 05:03
Ähnlich wie Deglow durch wiederholtes Eingreifen die Leere füllt, Schicht um Schicht Bedeutung erzeugt. Es ist fast eine visuelle Hypothese über die Grundstruktur der Realität.

05:03 – 05:26
Was heißt das nun für Sie als Betrachter, wenn Sie vor so einem Bild stehen? Nun, Deglows Kunst, die fordert Sie heraus, aktiv zu werden. In dieser Abstraktion, in diesem scheinbaren Chaos oder der Leere fangen Sie ja unweigerlich an, selbst Muster zu suchen. Sie treffen Ihre eigenen Unterscheidungen. Sie werden Teil dieses Prozesses der Sinnstiftung quasi.

05:26 – 05:37
Vielleicht erkennen Sie darin auch das, was Deglow „innere menschliche Landschaften” nennt – also Spannungen, Ruhe, Dynamik. Es geht darum, selbst eine Ordnung zu finden oder zu erschaffen. Das Anschauen wird zum Dialog.

05:37 – 06:12
Gut, fassen wir mal zusammen. Peter Deglows Werk ist also deutlich mehr als nur abstrakte Malerei. Indem er seine Perspektiven – Ingenieur und Künstler – zusammenführt und die Laws of Form als Denkfigur nutzt, wird seine Kunst zu einer Art Erkundung: eine Erkundung der Wirklichkeit, der Wahrnehmung und wie wir durch diesen einfachen Akt des Unterscheidens Bedeutung generieren.

06:12 – 06:38
Es zeigt wirklich eindrücklich, wie künstlerische Intuition und ein logisches System sich eben nicht ausschließen müssen, sondern sich gegenseitig befruchten können, um über ganz grundlegende Fragen nachzudenken – über Sichtbares und Unsichtbares, Bewusstes, Unbewusstes und wie eben aus einfachsten Setzungen komplexe Welten entstehen können.

06:38 – 06:44
Und damit geben wir Ihnen noch eine letzte Anregung mit auf den Weg zum Weiterdenken: Wenn jeder Pinselstrich eine Unterscheidung ist, die eine Welt erschafft, welche Unterscheidungen treffen Sie denn jeden Tag? Bewusst oder vielleicht auch unbewusst? Und wie formen diese Ihre ganz eigene Realität?